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Chinesische Impressionen

Ein Bericht von Barbara Friedhoff-Bucksch, Koordinatorin BG

Was du mir sagst, das vergesse ich.
Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich.
Was du mich tun lässt, das verstehe ich.

(Konfuzius, 551–479 v. Chr.)

Wie Sie sich sicher erinnern, unterzeichneten Herr Ingwertsen-Martensen, Schulleiter der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin, und sein chinesischer Kollege, Herr Luo Yuweng, Schulleiter der Longquan Secondary Vocational School im  vergangenen November einen Kooperationsvertrag, der den Austausch von Schülerinnen und Schülern sowie von Lehrerinnen und Lehrern beider Schulen vereinbarte. Herr Luo Yongwen  besichtigte viele Abteilungen, Einrichtungen und Klassen unserer Schule. Er war als Mitglied einer chinesischen Delegation von Schulleitern aus der chinesischen Partnerprovinz Schleswig-Holsteins, Zhejiang, zu uns gekommen. Hintergrund der Reise war, dass die Provinzregierung das Ziel anstrebt, dass alle  chinesischen Schulen bis 2017 mindestens eine internationale Schulpartnerschaft eingehen sollen. Die Chinesen sind an der Kooperation mit beruflichen Schulen besonders interessiert, um das erfolgreiche duale System unserer Berufsausbildung kennen zu lernen.

Für das Berufliche Gymnasium unserer Schule war dieser Vertrag sehr interessant, da ich als Koordinatorin schon länger nach einer chinesischen Partnerschule für unsere Schülerinnen und Schüler gesucht hatte, damit sie auf die Herausforderung einer globalisierten Welt auch anschaulich vorbereitet werden. Langfristig planen wir auch, Chinesisch als dritte Fremdsprache anzubieten oder eventuell die  Fachrichtung Wirtschaft und /oder Technik mit dem Schwerpunkt „chinesische Sprache und Kultur“ aufzubauen.

Entsprechend lautete auch im November letzten Jahres das Thema der Projektwoche „China“. Herr Luo konnte sich in unseren Fachräumen über die Ergebnisse, Produkte  und Präsentationen zu den Fragestellungen der Fachrichtungen Elektrotechnik, Maschinenbautechnik, Ernährung, Gesundheit und Betriebswirtschaft einen guten Einblick verschaffen. Er lud uns damals zu einem Rückbesuch nach Longquan herzlich ein.

In Schleswig-Holstein hatten im November 2011 elf Schulen Kooperationsverträge mit den chinesischen Partnerschulen unterzeichnet und es entstand der Wunsch nach einem Gegenbesuch in China, der dann für September 2012 geplant wurde. Unsere Delegation, die sich zum Gegenbesuch nach China gefunden hatte, bestand aus 14 Personen. Der Leiter der Delegation, Herr Krause aus dem Bildungsministerium, wurde von mehreren Schulleiterinnen und Schulleitern beruflicher Schulen und Gymnasien sowie deren StellvertreterInnen oder AbteilungsleiterInnen und Vertretern aus dem IQSH für die Ausbildung an beruflichen Schulen begleitet.

Am 21.09.12 spätabends begann für mich das Abenteuer China.

Wir waren alle sehr gespannt, was uns in China erwarten würde.

Zunächst stellten wir unmittelbar fest, dass die räumliche Entfernung zu unseren Partnern doch sehr groß ist, wir waren fast 24 Stunden unterwegs, bis wir erschöpft in Shanghai ankamen. Ein vollgepacktes touristisches Programm für den Sonntag ließ uns die Müdigkeit vergessen. Staunend und sehr beeindruckt standen wir vor dieser gigantischen, in alle Richtungen, vor allem nach oben wachsenden Mega-Metropole. Weltstädte wie New York, Moskau oder Singapur wirken dagegen beschaulich.

Übrigens waren alle Befürchtungen, was den Komfort in den Hotels betrifft, völlig umsonst, wir übernachteten immer in sehr guten Hotels, die alle üblichen Standards erfüllten.

Auf dem Weg zu unserem eigentlichen Ziel erwartete uns am Montagmorgen noch ein Highlight: der chinesische Hochgeschwindigkeitszug, der uns in weniger als einer Stunde nach Hangzhou brachte. Hangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Zhejiang, mit der unser Bundesland Schleswig-Holstein seit mehr als 20 Jahren enge wirtschaftliche Kontakte pflegt, aus denen die Initiative zur Kooperation im Bildungsbereich entstanden ist.

 Unsere chinesischen Partner lachten manchmal doch etwas überrascht oder die Übersetzerin fragte noch einmal nach, wenn unser Delegationsleiter bei seiner jeweiligen Begrüßungsansprache die Einwohnerzahl von SH erwähnte (es sind momentan 2,8 Millionen).

Hangzhou hat 12 Millionen Einwohner, unser Reiseführer in Shanghai bezeichnete die Stadt gerne als „Dorf“ im Vergleich mit den etwa 23 Millionen, die Shanghai bevölkern.

Die Provinz Zhejiang, die wir in den kommenden Tagen bereisten, liegt an der Ostküste Chinas südlich von Shanghai. Sie ist circa 100.000 Quadratkilometer groß, das entspricht in etwa einem Drittel der Fläche der Bundesrepublik und es wohnen dort 50 Millionen Menschen.

Wir besuchten nun von Montag bis Freitag täglich in der Regel zwei Schulen und legten dazwischen weite Wege mit dem Bus zurück. Unsere Stationen waren die Städte Hangzhou (12 Mio.), Huzhou (2,6 Mio.), Longyou, Jinyun, Longquam (200 000), Lishui und Ningbo (9 Mio). Immer wurden wir sehr freundlich empfangen, häufig sogar mit einer Eskorte von der Autobahnabfahrt abgeholt. Manchmal waren Banner für uns zur Begrüßung aufgehängt oder unsere Delegation wurde in großen Lettern auf einer Anzeigetafel begrüßt. In mehreren Schulen standen sehr hübsch in traditionelle chinesische Kleider gekleidete Schülerinnen zu unserer Begrüßung bereit. Wir bekamen Tee, Obst und Kekse, einmal sogar zur Begeisterung der Teilnehmer Kaffee. Auf beiden Seiten wurden freundliche Worte gewechselt, die betreffenden Schulen vorgestellt und viele Geschenke ausgetauscht. Höhepunkt war dann die Unterzeichnung von Absichtserklärungen der chinesischen und deutschen SchulleiterInnen. Wenn man weiß, dass die chinesische Regierung diese internationalen Begegnungen nicht nur ideell, sondern auch finanziell kräftig unterstützt, wofür auch schon eine solche Absichtserklärung genügt, ist dieses Interesse sehr nachvollziehbar. Wir mussten uns mit der ideellen Unterstützung durch das Ministerium begnügen und unsere Dienstreise selbst finanzieren. 

Schließlich wurde die Schule besichtigt, manchmal trafen wir auch SchülerInnen, die sich immer riesig freuten über die „Langnasen“. Das abschließende, immer hervorragende Banquette-Essen war nur dadurch etwas getrübt, dass wir ständig unter Zeitdruck standen. Das nette, aber durchaus energische „schnell, schnell“ unserer reizenden, überaus kompetenten Dolmetscherin vom deutsch-chinesischen Freundschaftsverein klang uns beständig in den Ohren.

Am 26. September wartete nach einer 90 minütigen Busfahrt aus Hangzhou an einer Autobahnabfahrt Richtung Longyou ein Fahrzeug unserer Partnerschule auf mich. Einer unserer ständigen Begleiter der Deutschen China-Gesellschaft, Herr Qian Feng, und ich verließen den Bus  und machten uns auf den Weg nach Longquan. Auf der zweieinhalb stündigen Autofahrt  konnte ich sehr interessante Gespräche mit dem als Begleitung mitgeschickten Englischlehrer Kevin Shen führen. Er erzählte, dass er und alle seine KollegInnen in der Woche zwölf Stunden in Klassen mit 50–60 SchülerInnen zu unterrichten haben. Es gibt darüber hinaus eine Anwesenheitspflicht und eine  Aufsichtspflicht während der abendlichen „Lesestunden“ und auch monatlich im Internatsbereich.

Während wir in Shanghai und Hangzhou oftmals in extremen Verkehrsstaus zwischen hochmodernen deutschen und japanischen Autos gesteckt hatten, war die Autobahn jetzt auf dem Lande völlig leer. Kilometerweit waren wir das einzige Fahrzeug, während sanfte grüne  Hügel mit Teeplantagen und Reisfelder zu sehen waren.

Longquan ist eine Stadt am Fluss cirka 350 km südwestlich von Shanghai. In unserer Partnerschule gibt es 83 Klassen, die von 3900 SchülerInnen besucht werden. Es unterrichten dort 280 LehrerInnen. Die Schule beherbergt die Fachrichtungen: Elektrotechnik, Keramik- und Schwert-Herstellung, Service Industrie Systeme und  Computer gestützte Handelswirtschaft. Außerdem werden High-school-Klassen unterrichtet. 

Das Auto fuhr uns zu einem Empfang in das internationale Hotel von Longquan, wo ich von Herr Luo herzlich begrüßt wurde. Er war in der Zwischenzeit in die Stadtregierung befördert worden. Herr Luo machte mich mit Herrn Ding Yugong, dem neuen Schulleiter unserer Partnerschule, bekannt. Insgesamt waren 14 Personen aus der Stadtregierung und der Schule geladen.

Nach einem hervorragenden Essen, bei dem mein Gebrauch der Essstäbchen amüsiert beobachtet wurde, fuhren wir zur Schule. Gleich am Eingangstor des riesigen Schulkomplexes begrüßte mich eine Gruppe von 5 SchülerInnen in moderner feierlicher Schuluniform. Ich wurde von ihnen zu einer Treppe geleitet, wo wiederum Schülerinnen in traditionellen chinesischen Qipaos postiert waren. In der Aula, die ich anschließend betrat, war eine Welcome ceremony vorbereitet. An drei Tischen zelebrierten SchülerInnen für die Ehrengäste die traditionelle Teezubereitung. Ein Schüler-Moderatoren-Team begleitete die Veranstaltung.  Ein Schüler und eine Schülerin führten eine Tanzdarbietung mit chinesischem Schirm zu traditioneller chinesischer Musik vor und 10 Schülerinnen boten ein Chorlied mit Tanzelementen dar.

 Der Schulleiter begrüßte uns herzlich in einer Rede und danach wurde ich gebeten, meine Begrüßungsrede auf Englisch vorzutragen. Der mich begleitende Englischlehrer übersetzte beide Reden.

Es schloss sich eine Führung durch  das Schulgelände an. Den Eingang  zierte eine riesige elektronische Tafel, in der ich auf Deutsch herzlich begrüßt wurde. Weitere elektronische Tafeln zeigten Bilder vom Besuch Herrn Luos an unserer Schule.

In großen Werkstätten wurden mir Unterricht an  modernsten CNC-Maschinen vorgeführt. Es gab eine Ausstellung von neu gefertigten traditionellen Scherenschnitten. Eindrucksvoll zeigten  die SchülerInnnen die Produktion ihrer jadegrünen Keramiken und es gab sogar einen hervorragend ästhetisch gestalteten Ausstellungsraum für die besten Objekte. Auf dem Weg durch das Gelände sah man riesige Sportplätze. Während des Spaziergangs durfte ich zu  jeder Zeit in alle Räume schauen und konnte mich mit den vielen EnglischkollegInnen frei unterhalten.  Wir kamen auch an den Internatsgebäuden vorbei. 99% aller SchülerInnen wohnen während der Woche (von Montag bis einschließlich Samstag) in den Internaten. Die Eltern müssen nur das Geld für die Verpflegung in den Mensen bereit stellen. Die gesamte Zeit wurde alles von einem Kamerateam gefilmt, wie auch eine Zeitung ein Interview durchführte.

Nach unserer beeindruckenden Besichtigung kam es dann zu einer Erneuerung unseres Kooperationsvertrages, was von dem Regierungsvertreter der Provinzregierung vorbereitet war.

SchülerInnen beschenkten mich mit zwei selbst gemachten Scherenschnitten, mit zwei gestickten Bildern, an denen sie pro Tag 2 Stunden über 4 Wochen gearbeitet hatten. Die Schulleitung überreichte zum Abschied eine Teetasse und eine Schale aus Celdon- Keramik sowie Tee aus der Region.

Freitag und Samstag stand dann noch einmal im Zeichen der langen Wege, zunächst fuhren wir am Freitag sechs Stunden mit dem Bus zurück nach Shanghai, um schließlich noch einmal den langen Weg über Dubai zurück ins beschauliche Hamburg zu machen.

Das Abenteuer China hat sich für uns gelohnt. Wir haben ein Land vorgefunden, in dem rasant mit z. T. hervorragender Ausstattung  in die Bildung investiert wird, wo SchülerinInnen  mit und an modernster Technik für die Zukunft qualifiziert werden. Vieles aus unserem deutschen dualen Bildungssystem haben wir dort wiedergefunden. Es waren ganz besondere, beeindruckende Erfahrungen und Begegnungen, die wir machen durften.

Wir sind sehr gespannt, ob und wann wir den Austausch mit SchülerInnen und KollegInnen von uns und  unserer Partnerschule realisieren können. Vielleicht wird dann aus dem Abenteuer China eine regelmäßige Begegnung zwischen jungen Menschen aus diesen in so vielerlei Hinsicht unterschiedlichen Lebenswelten. 

Bilder dieser Reise nach China finden Sie in dieser Galerie, Fotos unserer Partnerschule in dieser.

Bereiche: Berufliches Gymnasium