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Es hat uns viel Spaß gemacht!

Es hat uns viel Spaß gemacht“, war die einhellige Meinung der Eltern, die mit ihren Kindern die chinesischen Austauschschüler und –schülerinnen am Samstagmorgen, den 2. Februar 2013, an der Schwimmhalle in Eutin verabschiedeten.

Eine Woche lang waren die chinesischen Schüler und ihre Lehrer von der Zhejiang Xinchang High School in Shaoxing City, aus der Provinz Zhejiang, Gäste des Gymnasiums der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin. Für die Kooperation und den Ablauf war ein Lehrerteam des Beruflichen Gymnasiums zuständig, dem Barbara Friedhoff-Bucksch als  Abteilungsleiterin, der Englischlehrer Herr Hinz und der Betriebswirtschaftslehrer Herr Harms angehörten. Sie hatten ein umfangreiches Programm geplant.

     

Während am ersten Schultag die Eutiner Schule und die Besonderheiten der Stadt hinsichtlich Architektur, Geschichte und Politik im Mittelpunkt standen, konnten die chinesischen Schülerinnen und Schüler am Dienstag mit ihren deutschen Gastgebern echten Unterricht in den Fächern Biologie, Betriebswirtschaft, Informatik und Englisch erleben. Sie lernten vielfach die Unterrichtsform der Gruppenarbeit kennen, führten in Biologie Experimente durch, verglichen deutsche und chinesische Internetseiten, erarbeiteten gemeinsam Ideen für eine Werbekampagne von Mercedes in China, um den Umsatz der deutschen Firma weiter zu erhöhen. Die Fachkollegen erarbeiteten ihre Ziele weitgehend mit den Kursteilnehmern auf Englisch. Die chinesischen Gäste zeigten sich erstaunt über diese Art des Lernens und Lehrens. In China versammeln sich bis zu sechzig Lernende in einer Unterrichtsklasse, so dass diese Art selbstbestimmten Lernens nicht verbreitet ist. Es dominiert der Lehrervortrag. Entsprechend war das Urteil der Chinesen, dass Unterricht in Deutschland freier und kreativer gestaltet sei.

Am Mittwoch, als deutsche und chinesische Schülerinnen und Schüler in freien Beiträgen oder mit Powerpoint, Plakaten oder Filmen sich die unterschiedlichen Kulturen näher brachten, wurde deutlich, wie hervorragend die meisten chinesischen Schülerinnen und Schüler die englische Sprache beherrschten. Es fiel auch ihre überzeugende höflich- selbstbewusste Art des Auftretens auf. In fremder Umgebung ein selbst erarbeitetes Thema in Englisch vorzustellen, gelang ihnen problemlos.   

An den darauffolgenden Tagen hatten sie die Möglichkeit in Fächer wie Physik, Religion, Spanisch, Mathematik, Deutsch, Wirtschaftslehre, Gesundheit und Gemeinschaftkunde hinein zu schnuppern. Die beteiligten Fachkollegen freuten sich über die neue Dynamik des Unterrichts und die hervorragende Beteiligung der chinesischen Gäste. Die chinesischen Lehrkräfte, Frau Yang und Herr Wu, folgten problemlos dem Unterricht. Herr Li, der chinesische Vizeschulleiter, besuchte die Lektionen in Begleitung des außerordentlich sympathischen, mit leicht badischem Akzent übersetzenden Herrn Gu. Herr Gu lebt seit zwölf Jahren in Deutschland.

  

Am Mittwoch bewältigte unsere Hauswirtschaftslehrerin eine gewaltige Herausforderung: Jiaozi - Chinesische Teigtaschen vegetarisch und Gong Bao -Hähnchen mit Erdnüssen - gong bao ji ding, aber auch Frikadellen mit buntem Gemüse und Kartoffelbrei sollten für 50 Hungrige gekocht werden. Acht deutsch-chinesische „Pärchen“ hantierten in der Küche. Einige Chinesen probierten sich in dieser Kunst zum ersten Mal in ihrem Leben. In China werden viele Kinder aus „Ein-Kind-Familien“ sehr verwöhnt und bekocht. Es liegt aber auch daran, dass chinesische Schülerinnen an sechs Tagen der Woche Unterricht erhalten, in Internaten leben, nur sonntags und in den Ferien ihre Zeit in den Familien verbringen und sich in der Schule in ihrer Mensa ernähren. Die gebackenen Teigtaschen erfreuten sich großer Beliebtheit wie auch das köstliche Hähnchengericht und die deutschen Frikadellen. Während die einen kochten, erhielten die anderen Zumba-Unterricht von unserer Sportlehrerin Frau Petersen. Begeistert machten die chinesischen Gäste mit, sogar die Englischlehrer erprobten sich eine Zeitlang. 

  

Das Thema Essen war während des Aufenthalts in den Gastfamilien wichtig. Einzelne chinesische Jugendliche werden von nun an zu Nutellabrotessern mutieren. (Vgl. Deutsch-chinesisches Kochprojekt in Eutin, Besuch aus Fernost, von Orly Schekahn, KN 31.01.2013)

Die chinesischen Lehrkräfte haben deutsches Essen nicht nur durch die schulische Kochaktion, sondern auch durch Einladungen des Lehrerteams in den Bacchuskeller und  durch gemeinsames Kochen und Essen in einem Privathaus kennengelernt. Eine weitere Abendeinladung zum Essen im Eutiner Brauhaus durch den Lions-Club war für die chinesischen Lehrkräfte sehr eindrucksvoll. Sie konnten ihnen völlig unbekannte Gerichte wie z. B. Hirschgulasch probieren. Viele interessante Gespräche ergaben sich mit den Chinareisenden, Schulrat Meier und dem ehemaligen Kieler Universitätsrektor, Herrn Neumann, der in den achtziger Jahren für den Aufbau der universitären Verbindungen, vor allem nach Hangzhou zuständig gewesen war. Die anschließende Erläuterung des Prozesses des Bierbrauens und die Besichtigung des Braukellers begeisterte die chinesischen Lehrkräfte.

Der Lions-Club Eutin zeigte sich unserem Austauschprogramm gegenüber sehr großzügig. Er unterstützte den Austausch mit einem hohen Geldbetrag und dieser Abendeinladung. Wir erhielten auch von drei Privatleuten Geldspenden und die Firmen Klausberger und Edeka Arne Ley trugen zum Gelingen dieser erlebnisreichen Tage durch Sachspenden bei. Auch an dieser Stelle möchten wir unseren Spendern noch einmal herzlichen Dank sagen. Ohne sie hätten wir ein solches Programm nicht ermöglichen können.

Wir wollten unseren Gästen aber nicht nur Eutin, unsere Schule und unseren Unterricht, sondern auch unser schönes Bundesland Schleswig-Holstein durch ein kleines Ausflugs-/ Kulturprogramm näher bringen. Ausflüge nach Lübeck und Kiel waren vorgesehen. Hatten wir gleich am ersten Tag schon Stadtspaziergänge durch Hamburg unternommen, die Hafen-City, die Innenstadt und das Rathaus erkundet, ging es am Dienstag nach dem Unterricht mit dem Bus Richtung Lübeck los. Wir wählten den Weg am Ostseestrand entlang. In Haffkrug stiegen wir mit der Gruppe aus. Einige rannten sofort auf die Seebrücke, andere zum Meer. Einen solchen Ort am Meer hatten sie noch nie gesehen, auch die Strandpromenade war etwas Besonderes. Herr Hinz gab sachkundige Erklärungen zur Entwicklung seines Heimatortes und der Küste als Touristenattraktion. Die chinesischen Gäste staunten über das klare Wasser der Ostsee. Wir konnten die Gäste über den langen, teuren Einsatz für den Schutz der Natur und Umwelt in unserem Bundesland informieren und vielleicht das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Umweltschutz für eine lebenswerte Welt schärfen.

Weiter ging es nach Lübeck. Dieser Stadtspaziergang in unserer historisch so eindrucksvollen Hansestadt Lübeck war ein besonderer Programmpunkt für die chinesischen Gäste, die mit einer extremen architektonischen Modernisierung ihrer Städte konfrontiert sind. Vielleicht wird sich der Gedanke des Schutzes von Weltkulturerbe noch mehr in ihrem Bewusstsein verankern.

Der chinesische Staat fördert mit hohen Geldmitteln den Austausch auf chinesischer Seite. Es scheint gewollt zu sein, dass die Lehrkräfte und die jungen Menschen neue Erfahrungen aus der Welt nach China tragen.

Wir erliefen die Stadt unter Führung von Herrn Harms. Das Holstentor faszinierte, die Geschichte der Hansestadt, die jüngere Vergangenheit des 2. Weltkrieges interessierten, die Hinterhöfe und schmalen Gänge beeindruckten. Auf diesem und anderen Spaziergängen konnten wir viele chinesische Schülerinnen und Schüler und chinesischen Lehrkräfte, deutsche Schülerinnen und Schüler etwas privater kennen lernen und ihre Wahrnehmungen hören. 

In der Schule, nach den Besuchen von Unterrichten, in den Pausen und während der Wege und Fahrten zu unseren Zielen kam es zu vielen Gesprächen über Ziele von Erziehung sowie Didaktik und Methodik des Unterrichtens in China und Deutschland.

Aber Lübeck ist nicht nur eine eindrucksvolle, historische Stadt, aus der berühmte Schriftsteller hervorgegangen sind. Lübeck steht auch für Marzipan. Wir erhielten eine Begrüßung in der Fabrikverkaufsstelle von Niederegger, da das zentrale Cafe gerade umgebaut wird. Alle verkosteten das Marzipan, erhielten Hinweise auf die Rezeptur, die Fabrikation und den Welthandel. Viele chinesische Gäste fanden kleine Mitbringsel der besonderen Art für ihre Familien.

Unsere Gäste lernten unsere Landeshauptstadt Kiel am Donnerstag durch einen Spaziergang kennen. Die deutsch-chinesische Gruppe wurde im Landtag durch den Landtagspräsidenten Schlie empfangen. Es war der chinesischen Seite eine sehr große Ehre, so hochrangig empfangen zu werden. Er und seine Mitarbeiterin Frau Moser erläuterten der deutsch-chinesischen Gruppe die Besonderheiten des Gebäudes, die Umgebung, die Abläufe von Parlamentssitzungen und die wichtigen demokratischen Prozesse im Land Schleswig-Holstein. Er äußerte sich abschließend sehr beeindruckt über die vielen Fragen vor allem der chinesischen Gäste und lobte unseren hervorragenden Dolmetscher, Herrn Yuan Gu. Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei der Landesregierung und Herrn Landtagspräsidenten Schlie bedanken, dass dieser Empfang möglich war. Dass unsere chinesischen Lehrkräfte auch noch am Abschiedsabend - am Folgetag - eine DVD der Bilder dieses Empfangs durch einen „reitenden Boten“ aus Kiel erhalten konnten, ist sensationell. Ganz herzlichen Dank für Ihre hervorragende Organisation!

Auch der Empfang im deutsch-chinesischen Zentrum der Universität Kiel durch Frau Dr. Messner erwies sich für die Gruppe durch die Erörterung interkultureller Aspekte und die Hinweise auf Studienmöglichkeiten und Stipendien in China als sehr interessant. „Wie gehe ich damit um, dass meine Austauschschülerin zunächst jeden Vorschlag, ihr etwas anzubieten, dankend ablehnt?“ „Wie erhält man Stipendien für ein Studium in China?“

Es gab während der Austauschwoche jedoch nicht nur ein offizielles Lehrerprogramm. Wie uns erzählt wurde, lernten die Gäste deutsches Schlittschuhlaufen kennen, sie waren an der Ostsee, erprobten sich im Hochseil-Klettergarten, einige besuchten eine deutsche Diskothek. Wieder andere verkosteten ausführlich chinesisches Essen in deutschen Chinarestaurants. Auch das Shoppen-Gehen war angesagt. Das Bowlingspielen wurde eigenständig  organisiert und erfolgreich durchgeführt.

Wir haben uns sehr über unsere deutschen humorvollen, zuverlässigen, eigenverantwortlichen, kreativen und zur Empathie fähigen Schülerinnen und Schüler gefreut. Sie haben engagiert ein buntes Programm für die Jugendlichen zusammen gestellt. Bei vielen unserer Schülerinnen und Schülern konnten wir die Freunde am Neuen und Fremden spüren. Etliche zeigten sich richtig begeistert von Ihren Austauschpartnern. Wenige hatten es etwas schwerer, da ihre Partner schwieriger waren. Viele chinesische Gäste erhielten von ihren Gastfamilien Überraschungs-/Gastgeschenke. Noch einmal ganz herzlichen Dank an die deutschen Schülerinnen und Schüler, die chinesische Gäste aufgenommen hatten und an ihre Eltern. Wir möchten uns für all dieses und für all das andere, das nicht aufgezählt wurde und so klein und liebevoll nebenbei geschah, ganz, ganz herzlich bedanken.

Am Freitagmorgen fand ein Abschlussgespräch zwischen der deutschen und chinesischen Schulleitung und den begleitenden Lehrerteams statt. Der Erfolg dieses Austauschs wurde gewürdigt und ein Partnerschaftsvertrag in Aussicht gestellt.

Und dann gab es die unvergessliche Abschlussfeier in unserer Cafeteria. Die Schülerinnen und Schüler brachten leckere Gerichte mit, so dass ein buntes Büfett aufgebaut werden konnte. Der Abend wurde musikalisch eröffnet. Herr Hinz sang gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern seines Musikkurses sowie allen Anwesenden unter instrumentaler Begleitung mehrere englische Lieder, so z. B. „Farewell Blues“. Alle machten begeistert mit und es gab viel Applaus.

Und dann gab es eine unerwartete Überraschung durch einen chinesischen Schüler. Er hatte sich in ein phantastisches blau leuchtendes Kostüm gekleidet. Seine Füße steckten in surrealen silbernen clownsartigen Schuhen. Sein Gesicht war mit chinesischen Schriftzeichen bemalt wie auch sein Rücken. Er stellte seine mitgebrachte traditionelle chinesische Musik an und sein Tanz begann: Mit extrem akrobatischer Leichtigkeit tanzte er einen alten tibetanischen Tanz, in dem es um das Leben eines Adlers ging, seine Freude, seine Not und die Verfolgung durch die Menschen. Nicht abreißender Applaus krönte seine Darbietung. Auch die chinesischen Lehrer hatten ihn noch nie so tanzen sehen. Sie wussten nur zu berichten, dass er in Wettkämpfen für seine Tanzkunst Preise erhalten habe. In einem anschließenden Gespräch mit ihm stellte er seinen Wunsch dar, in Zukunft Filmregisseur werden zu wollen. Während des gesamten Austauschs hatte er uns schon mit seiner wachsamen Fotodokumentation beeindruckt.

An diesem Abend sollte noch häufiger deutlich werden, dass wir Besuch von Schülern einer Elite-Highschool der Provinz Zhejiangs hatten. In den Unterrichtsveranstaltungen der Woche hatten wir chinesische Schülerinnen und Schüler kennen gelernt, die über exquisites Mathematikverständnis verfügten, ein Mädchen entdeckt, die über ein hervorragendes Zeichentalent verfügte. Viele sprachen ein exzellentes Englisch. Nach dem gemeinsamen Essen und Karaokebeiträgen deutscher Schüler und Schülerinnen des 13. Jahrgangs setzte sich ein chinesischer Schüler ans Klavier und spielte fehlerfrei ohne Noten ein längeres Werk von Chopin. Bald trauten sich immer mehr chinesische Schülerinnen und Schüler nach vorne. Wir hörten ein Klavier-Gesangsduett, dargeboten von zwei chinesischen Schülerinnen. Eine weitere Chinesin sang ohne Instrumentalbegleitung einen längeren englischen Chartsong. Schließlich spielte uns ein chinesischer Schüler noch ein traditionelles Lied auf seiner mitgebrachten Flöte vor.

Danach öffnete sich die Tanzfläche und deutsche und chinesische Schüler tanzten ausgelassen einzeln, aber auch in Kreistänzen zu moderner Musik. Zwischendurch ergriff unser Dolmetscher die Initiative zu einer Gruppentanzdarbietung zu einem populären chinesischen Musiktitel. Das Feiern der Schüler  wurde dann noch bei einer deutschen  Schülerin zu Hause fortgesetzt.

Das Abschiednehmen fiel den meisten der Beteiligten sehr schwer. Wir denken, dass dieser Austausch für deutsche und chinesische Schülerinnen und Schüler und für die beteiligten und involvierten Lehrkräfte sehr eindrucksvoll war. Wir alle haben sehr viel über die fremden Kulturen, über Normen, Werte, Sprache und Denken des/ der anderen gelernt. Wir freuen uns auf den Gegenbesuch in China im Oktober 2013 an der Xinchang High School in Shaoxing City, Zhejiang.

Barbara Friedhoff-Bucksch

 

Bereiche: Berufliches Gymnasium