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Einblick in die rechtsextremistische Szene mit dem NPD-Aussteiger Maik Scheffler

Maik Scheffler, der 17 Jahre lang in der rechtsradikalen Szene und in der NPD Sachsen eine wichtige Stellung einnahm, berichtete am Montag, 17. Juni 2019, in zwei Veranstaltungen vor SchülerInnen des Beruflichen Gymnasiums, der Berufsfachschule I und III über seine Erfahrungen. Freundlich und sehr persönlich sprach der heute 45 jährige über seine Kindheit und Jugend in der DDR bzw. während der Wendezeit, die ihn sehr prägten. Vor allem der Umgang mit Ausländern, die in umzäunten „Lagern“ untergebracht waren, ließen ihn darauf schließen, dass man vor diesen Menschen geschützt werden müsse. Auch der politische Eliteaustausch nach der Wende führte dazu, dass sich viele nicht mehr mit dem Land identifizieren konnten.

Seine Rekrutierung für die rechtsradikale Idee verlief widerstandslos, da er schon im Vorfeld in seinem Umfeld von der Ideologie stark geprägt wurde. Über seine spätere Karriere bei der NPD sagt er, dass die Voraussetzungen dafür im Prinzip waren, dass er groß und kräftig ist und 2-3 Sätze am Stück sprechen kann. Scheffler spricht auch über seine eigene Rekrutierungstätigkeit und sagt den SchülerInnen auf den Kopf zu, dass er innerhalb von vier Wochen ungefähr ein Drittel von ihnen für die nationalsozialistische Idee gewinnen könne. Wenn die Personen vorher profilt werden, könne er ihnen alles erzählen und schnell gewinnen. Das apokalyptische Gerede, dass der Untergang Deutschlands bzw. der Welt kurz bevor stehen würde und dass nur sie, die Nationalisten bzw. die NPD, in der Lage seien, Deutschland noch zu retten, würden die Ängste schüren und die Jugendlichen in die Arme von Radikalen treiben. Auch die Behauptung, dass Ausländer ständig und überall Frauen belästigen und vergewaltigen würden, sei ein beliebtes Mittel, um auch im Netz die Vorurteile und Ängste weiter zu säen.

Diese Rekrutierungsgröße entspräche in etwa des aktuellen politischen Trends, Prognosen sähen die AfD in den sächsischen Landtagswahlen bei ca. 28 % und darüber.

Auch rechtsextremistische Konzerte und Liedtexte halfen und helfen, die nationalistische Ideologie in den Köpfen zu pflanzen. Doch die aktuelle Jugendarbeit der Rechtsextremen richte sich v. a. auf den Kampfsport und entsprechenden Wettkämpfen. Die entsprechenden Räumlichkeiten würden auch von öffentlichen Trägern zur Verfügung gestellt.

Scheffler berichtet davon, dass er früher einen sehr isolierten Blick auf die Gesellschaft gehabt hat, dass „wo wir waren, unsere Regeln galten“. Sie könnten das Volk dominieren. Welch ein begrenzten Wahrnehmungshorizont das war, begriff Scheffler erst, als er zunächst aus der sächsischen NPD ausschied und daraufhin sich auch von der Ideologie distanzierte und letztendlich ausstieg. Von einer Sekunde auf der anderen verlor er, wie Scheffler eindrücklich schildert, sämtliche sozialen Kontakte. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ so die allgemeine Haltung der rechtsradikalen Szene zu Aussteigern. Freunde, mit denen er noch am Abend vorher, dessen private Probleme besprach, waren auf einmal nicht mehr erreichbar. Keiner fragte: „Hey Maik, was ist denn los?“

Sehr offen spricht Scheffler auch über die Zeit nach seinem Ausstieg und über seinen Kontakt mit Exit-Deutschland, die ihm halfen, sein Leben, seine Gedanken, seine Weltanschauung zu hinterfragen. „Ich war für eine sehr kurze Zeit Opfer - als ich rekrutiert wurde. Danach als ich anfing „zu missionieren“ und zu rekrutieren, war ich Täter. „Ich möchte, dass ihr nicht so einfach ein Opfer werdet.“ so sein Appell an die SchülerInnen. „Betrachtet die Quellen kritisch. Glaubt nicht einfach alles, was Euch gesagt wird. Hinterfragt die Thesen. Und die Thesen der rechten Szene sind so leicht zu entlarven.“

Exit Deutschland ist eine Initiative, die Menschen hilft, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen. Seit ihrer Gründung gab es ca. 600 Ausstiegswillige, allein 7 Personen davon sind in der Lage, über ihre radikale Vergangenheit zu sprechen. Viele davon sind dazu nicht in der Lage, sind empathieunfähig und können nicht einmal mehr soziale Beziehungen aufbauen. Viele, so berichtet Scheffler, werden drogenabhängig und können nicht einmal mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen. Einige von ihnen würden bis zum Ende ihres Lebens betreut werden. Es gäbe 19jährige, die müssten aus der Szene aussteigen, weil sie am Ende sind: psychisch, strafrechtlich und wirtschaftlich.

Seine Mutter habe für ihn die „Tür offen gehalten“. Sie war nicht einverstanden mit seinem rechtsradikalen Engagement, habe ihn aber nach seinem Ausstieg nicht abgewiesen. Seine Schwester habe fünf Jahre gebraucht, bevor sie seine Freundschaftsanfrage auf Facebook angenommen habe.